ossuarien.texte

 

Kommentar von Magnus Cordes-Schmidt zu Objekt "Jesus und Cernunnos1",

verlesen an der Ausstellungseröffnung:

Traum des Hubertus

Ein lackiertes Holzkreuz, daran ein hängender Christus aus Kupfer mit Messing beschichtet, vermutlich aus den 50ern oder doch 70ern, tausendfach gegossen, verkauft und gekauft. Nicht das schwebende Gleichgewicht eines romanischen Kreuzes,

das schon die Osterfreude vorwegnimmt, nein, Christus am tiefsten Punkt seines irdischen Seins, das Haupt weit unter dem Kreuzungspunkt der Balken.

Und doch nicht so tief und zerschunden wie ein Pestkreuz aus der Gotik.

Dieser Christus schläft. Und im Schlaf hält er sein Kreuz und all dasjenige, in was es eingespannt ist:

Ein mächtiges Geweih mit 13 Enden und im Hintergrund ein verkohltes paddelförmiges Brett.

Sind dies die 12 Stämme Israels und der neue Stamm, den Christus begründet?

Sind es die 13 Jünger, die durch den Tod ihres Meisters untrennbar vereint werden?

Stützt sich Christus auf ein noch älteres Ritual, ein Naturmysterium, das ihn mit dem Tier und Pflanzenreich verbindet?

Lackierte Balken auf verkohltem Grund - ein symmetrisches Kreuz in den organisch morphogenen Strukturen eines Geweihs.

Traum des Hubertus.

 

Einführungsrede zur Eröffnung von Stefan Tolksdorf (Kunsthistoriker, Freiburg)

"Aus den Ossuarien", wie es im Ausstellungstitel heißt,

also aus den Karner oder Beinhaus genannten christlichen Begräbnistätten stammen sie eben nicht, Markus Kleks´kuriose Knochen-Objekte.

Eher aus der Sphäre waidmännischer Trophäensucht.

Weil sie von dem Glauben an die ganzkörperliche Auferstehung ausgenommen sind, können Tierknochen an Hausgiebeln, in Gaststuben, Schlössern und wertkonservativen Wohnstuben hängen.

Und sie können, ohne den Vorwurf von Blasphemie der Kunst als Werkstoff dienen.

Wenn Markus Klek aus Tierschädeln phantasievolle anthropomorphe Figuren formt, macht er aus dem Signum der besiegten, erlegten, überwundenen Natur ein irritierend vitales Lebenszeichen.

Mit seinen Fetisch-haften Knochenwesen betont er die letztendliche Widerstands- und Regenerationskraft einer als beseelt und dem Menschen prinzipiell überlegenen, besser: tief verbundenen Natur.

Werfen wir, bevor wir auf seine Arbeit näher eingehen, einen kurzen Blick auf die Rolle des Knochens in der Kunst.

Genau genommen kann von seiner solchen Rolle erst dann die Rede sein, als die Kunst sich von ihren kultischen Wurzeln emanzipiert und in spezifischen Räumen - Museen, Kunsthallen und Galerien - Eigenständigkeit erlangt hat.

Den elfenbeinernen Löwenmenschen aus dem Lonetal, Knochen als Werkzeuge müssen wir aus dieser Geschichte also ebenso ausnehmen wie die kunstvoll arrangierten barocken Ornamenten in den erwähnten Ossuarien - in Wien, Prag oder Klosterneuburg.

Als nicht religiös besetztes Material der Ausdruckskunst erscheinen Knochen erstmals nach dem Ersten Weltkrieg, und zwar in der Kunst des Surrealismus. In verstärktem Maße treten sie aber erst in der Objektkunst nach 1945 in Erscheinung - in Hinblick auf die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts: Krieg und Völkermord. Insbesondere Joseph Beuys und Wolf Vorstell betonen diesen historischen Aspekt, wobei Beuys immer auch noch etwas anderes heraus stellte: Die regenerative Kraft, die dem Knochen inne wohnt. Dabei nahm er Bezug auf alte naturmytische Vorstellungen, die auch für Markus Kleks Arbeit von Bedeutung sind.

Der figürliche Aspekt steht für die meisten zeitgenössischen Künstler aber gerade nicht im Vordergrund.

Knochen erscheinen als Bestandteil von Assemblagen, wie bei Daniel Spoerris quasi-fetischistischen "Zimtzauberkonserven", gewissermaßen als pars pro toto, wohl um dem reichlich trivialisierten Bild vom (christlichen) Knochenmann zu entgehen, dem klassischen memento mori.

Das Makabre, Schockierende spielt gleichwohl immer mit, wenn es um Knochen geht, ebenso wie die Erinnerung an den christlichen Reliqienkult: Körperliche Überbleibsel als Gegenstand religiöser Verehrung: Knochen als Realpräsenz des Heiligen und Garanten des ewigen Lebens. Wir alle wissen, dass sie von unseren physischen Hinterlassenschaften die längste "Lebensdauer" haben. Markus Klek kam zu Knochen über die Beschäftigung mit

der Kultur der Prärie-Indianer.

Während er mit seiner Familie in San Francisco lebte, wurde er in Kursen und Workshops mit der Lebensweise der indianischen Büffeljäger vertraut, veröffentlichte sogar ein Buch über indianische Lederverarbeitung. Zunächst interessierte ihn, den gelernten Handwerker, rein praktische Fragen, die "spirituelle Seite" trat erst später hinzu.

Dabei gehören Knochen von jeher zu den Materialien, die dem westlichen Betrachter als typisch für die Kunst aussereuropäischer Völker erscheinen, vor allem für die Objekte der so genannten Naturvölker. Häufig stehen sie in magischem Zusammenhang mit speziellen Riten und Beschwörungen, etwa im Voodoo-Kult, sind fester Bestandteil eines naturmagischen Weltbilds.

Auch den hier versammelten Objekten haftet in diesem Sinne etwas "Exotischen" an, obwohl sie keinen konkret-kultischen Kontext haben.

Vielmehr sind sie Produkte der freien Phantasie und Kombinationslust eines gleichermaßen handwerklich wie spirituell orientierten Phantasiebegabten, der sie zur Kunst erklärt, was seit Marcel Duchamp ja nicht nur möglich, sondern gang und gebe ist.

Es handelt sich um klassische objet trouvées - Fundstücke, welche die schöpferische Phantasie anregen und gerade in ihrer Materialität die Frage stellen, ob Natur sich auf den rein materiellen Befund reduzieren lässt.

Indem er den Tierschädel als Signum des Todes zum Wesen formt, mithin umdeutet, stellt er auch die Frage der Beseeltheit der vermeintlich toten Dinge. Und sei es auf jener Minimalebene, dass jedes organische Material per se neues Leben zeugt.

Bis auf die Tier-Trophäre, die unsere Überlegenheit über das Mitwesen demonstriert, haben wir den Tod aus unserem unmittelbaren Lebensumfeld verbannt - in die weit ausgelagerten Friedhöfe und den wöchentlichen Tatort. Der Tod hat seinen Ort in den Medien, nicht mehr im Bewusstsein des Einzelnen.

Unsere Vorfahren lebten mit Knochen, sie fielen ihnen beim Spielen und Feiern auf den innerstädtischen Begräbnisorten gleichsam zu; der Tod wohnte buchstäblich mitten in den Familien.

In den Ossuarien warteten die ornamentalisierten Knochen auf ihre Wiederzusammenführung am Jüngsten Tag.

In vorchristlicher Zeit waren vor allem Tierknochen Gegenstand kultischer Handlungen, etwa im Bereich des Jagdzaubers.

Diese Riten, wie sie noch heute in schamanischen Kulturen vereinzelt zu finden sind, bezeugen eine fraglose Verwurzelung des Menschen in der Natur, die uns "denkbar fremd" geworden ist.

Uns, die wir Natur als Erholungsraum und Gegenpol zur städtischen Sphäre wahrnehmen, als prinzipielles Gegenüber, so auch in der europäischen Landschaftsmalerei.

In dieser Region, im Herzen des Schwarzwalds ist man buchstäblich näher dran.

Wenn Markus Klek in dieser Landschaft Fetisch-artige Knochenfiguren herstellt, beschwört er auch eine verlorene Nähe - zur Natur und zu jenen indigenen Naturvölkern, die anderswo beheimatet sind, wohl wissend, dass ein "Zurück" unmöglich ist.

Er inszeniert auch eine bewusste Verkehrung unserer Wertehierarchie: Es sind powere Materialien, die er verarbeitet, während er sonst als gelernter Goldschmied mit Schmuck und Edelsteinen hantiert.

Genießen sie etwa in westafrikanischen Fetisch-Kulturen höchste Wertschätzung, werden Tierknochen - sofern sie nicht, wie in diesem Fall, als Trophäe dienen - als Abfall angesehen, gelten gar als ekelerregend.

Makaber mag es schon wirken, wenn Markus Klek das Bild des Gekreuzigten mit einem Hirschgeweih kombiniert - doch mag dabei die Erinnerung an St.Hubertus mitschwingen, einem Jäger vor dem Herrn und späteren bekennenden Tierschützer, oder an den hischgeweihigen Keltengott Cernunnos, dem "Herr der Tiere".

Stets wird Tod und Leben in eins gedacht.

Ein weiteres Betätigungsfeld geht in Kleks´ Arbeit unmittelbar ein: Das der experimentellen Archäologie. Jahrelang hat er in unterschiedlichen Museen Schülern und Interessierten demonstriert, wie unsere Vorfahren mit Stein- oder Knochenwerkzeugen Tierkörper zerlegten und verarbeiteten, ohne nur ein Teil zu verschwenden.

Auch seine Objektkunst hat experimentellen Charakter in dem sie ihn rück bindet an mögliche archaische Bewusstseinszustände.

Ausgangspunkt bleibt jedoch stets das Material. Als er vor einigen Jahren seinen Lebensmittelpunkt nach Portugal verlagerte, war es der Stein, der ihn inspirierte, genauer: Die mittelmeerische Menhir-Kultur. Mit Spiralornamenten bedeckte Steine gehören seither ebenso zu seinem Repertoire wie die Knochenfiguren, von denen einige makaber, andere geradezu komisch wirken.

Der Tod jedenfalls, repräsentiert durch tierische Knochen, ist in diesen Objekten der Stachel genommen. Seine Objekte sind Ausweis einer vitalen, beinahe überbordenden Kreativität und im besten Sinne kindlichen Entdeckerlust.

Hinweisen möchte ich Sie noch auf eine weitere künstlerische Ausdrucksform von Markus Klek:

Unter dem Titel "DeepFlurStruktur" präsentiert er ab dem 10. Juli im Krone-Theater Titisee-Neustadt eine Kollektion seiner fotografischen Arbeiten. Hier wird es um Naturerlebnis und das Licht gehen.

Wir dürfen gespannt sein.

 

 

 

markus klek

My Company, 4578 Marmora Road,

Glasgow D04 89GR

Tel : 123-456-7890

E-mail: support@eusinpro.net